Orte

 

 

 

In ihrem Fotobildband „Orte“ hat Angela Bröhan eine Auswahl von Bildern innerstädtischer und peripherer Wohn- und Gewerberäume zusammengestellt, die zwischen 2005 und 2011 entstanden sind. Der Literaturwissenschaftler Nils Plath schreibt in seinem begleitenden Essay über die ungewöhnlichen Stadtaufnahmen, sie seien ein „erster Blick auf [eine] unvertraute urbane Umgebung aus ungewöhnlichen Standpunkten und Perspektiven aufgenommen.“ Plath sieht in den ausgewählten Motiven  „Sinneseindrücke im urbanen Raum“, die die Stadt als „architektonisches und zeichenhaftes Ensemble“ erscheinen lassen. Mit ihnen gelinge es  Angela Bröhan, menschenleere Bühnen für imaginative Erzählungen bildlich zu inszenieren, ohne sie zu “postindustriellen Landschaftsidyllen“ zu schönen.

Angela Bröhan, die vor dem Studium der Fotografie an der heutigen FHS München zunächst in Hamburg Visuelle Kommunikation und Design studiert hat, verbindet augenscheinlich Elemente beider Ausbildungen in ihrem Werk. Ablesbar ist dies am Gespür für die Schönheit des Einfachen,  für klare Bild- und harmonische Farbkompositionen. Dadurch ist Bröhans Werk innerhalb der vielfältigen Strömungen zeitgenössischer Fotografie auch solchen Positionen zuzuordnen, die Techniken aus der Malerei umsetzen. Hierdurch gelingt es ihr, den landläufigen Anspruch an das Medium Fotografie, ein wahres Abbild der Realität zu liefern, zu unterlaufen. Angela Bröhan verfolgt gewissermaßen eine subjektive Spielart des „dokumentarischen Stils“,  in dem das Abstrakte präsent ist und deren Wurzeln kunsthistorisch gesehen im experimentellen Stil des „Neuen Sehen“ zu finden sind.

Angela Bröhan geht es weder darum, ein wirklichkeitsgetreues Abbild eines Ortes im Foto zu bannen, noch darum, den berühmten „fruchtbaren Moment“ (Gombrich) oder „entscheidenden Augenblick“ beim Druck auf den Auslöser zu erwischen. Ihr Vorgehen beschreibt die Fotografin folgendermaßen:  „Auslöser für eine dieser Bildkompositionen kann ein roter Strich an einer Wand, ein farbiges Plastikteil am Boden oder eine das Bild durchschneidende Linie sein. Von diesem Detail ausgehend formt sich das – zumeist quadratische – Bild.“  Auf diese Weise verbinden sich in Bröhans fragmentarischen Stadtansichten Stille und Theatralik auf nahezu unbekümmerte Weise:  Augenblick und Ewigkeit verschmelzen in klar strukturierten, lautlosen Inszenierungen miteinander.

(Manuela Lintl, 2013, Kunstwissenschaftlerin M.A.)